Zum Hauptinhalt springen
  1. Imkerwissen/
  2. Vermehrung/

Kunstschwarm — Schritt für Schritt zum neuen Volk

1064 Wörter·5 min

Ein Kunstschwarm ist genau das, was der Name sagt: ein Schwarm, den nicht die Bienen selbst, sondern der Imker bildet. Statt darauf zu warten, dass ein Volk in Schwarmstimmung gerät und abfliegt, kehrt man eine Portion Bienen in eine leere Kiste, gibt ihnen eine Königin dazu und lässt sie auf frischen Waben ein neues Volk aufbauen. Das Schöne daran: Man nutzt einen der natürlichsten Vorgänge im Bienenjahr — nur eben zum selbst gewählten Zeitpunkt und am selbst gewählten Ort.

Das Grundprinzip: einen Naturschwarm nachbauen
#

Wenn ein Volk natürlich schwärmt, zieht ein Teil der Bienen mit der alten Königin aus und gründet anderswo ein neues Zuhause. Ein solcher Schwarm hat zwei Eigenheiten, die ihn erfolgreich machen — und genau die muss der Imker beim Kunstschwarm nachstellen:

  • Die Bienen sind in Bau-Laune. Ein Schwarm baut in wenigen Tagen ein komplettes Wabenwerk. Diese Bauwut löst man künstlich aus, indem die Bienen ein paar Tage zusammen in einer dunklen, kühlen Kiste sitzen, bevor sie einziehen (die sogenannte Kellerhaft).
  • Der Schwarm trägt Proviant mit. Natürliche Schwärme füllen sich vor dem Abflug mit Honig voll. Ein Kunstschwarm hatte dazu keine Gelegenheit — deshalb ist Füttern Pflicht, sonst verhungert er oder baut nicht.

Aus diesen zwei Punkten leitet sich fast alles Weitere ab.

So entsteht ein Kunstschwarm
#

Der Ablauf ist überschaubar, kommt aber auf Sorgfalt beim Timing an:

  1. Bienen gewinnen. Am besten kehrt oder stößt man Bienen aus den Honigräumen mehrerer Völker in eine Kunstschwarmkiste. Waben mit frischem Nektar werden dabei abgekehrt statt gestoßen — sonst kleben die Bienen am Nektar fest (ein häufiger Anfängerfehler).
  2. Die richtige Menge. Gemessen wird in Gewicht, nicht in Waben: im Frühjahr etwas weniger, im Hochsommer mehr. Faustregel — je später in der Saison, desto mehr Bienen muss der Schwarm mitbekommen, um vor dem Winter noch stark genug zu werden.
  3. Königin zusetzen. Kurze Zeit nach dem Abkehren beginnt der Schwarm zu „brausen" — ein Zeichen, dass keine Königin dabei ist. Dann hängt man die neue Königin in einem verschlossenen Käfig dazu. Das Brausen verstummt, die Bienen sammeln sich um sie. Eine bereits begattete Königin ist die sichere Wahl — worauf es beim Einweiseln ankommt, steht im Beitrag Königin zusetzen — so gelingt die Annahme.
  4. Kellerhaft, 2–3 Tage. Kühl, dunkel, ruhig — und in dieser Zeit füttern. So kommen die Bienen in Bau-Stimmung.
  5. Einlogieren. Gegen Abend setzt man den Schwarm in eine Beute mit frischen Mittelwänden und Futter um. Ab jetzt baut er sich sein neues Zuhause.
  6. In Ruhe lassen. Die erste Kontrolle erfolgt frühestens nach etwa einer Woche. Vorher stört man nicht — die junge Volksgründung ist empfindlich.

Welche Bienen kommen in den Schwarm?
#

Eine naheliegende Frage ist: junge oder alte Bienen? Die Antwort lautet: eine Mischung aus beiden — wie in einem echten Schwarm. Ein Naturschwarm enthält Bienen jeden Alters, und beide braucht der Kunstschwarm: junge Bienen bauen die Waben und pflegen später die Brut, ältere übernehmen früh den Flugdienst.

Deshalb sind Honigraumbienen ideal. Sie haben eine gleichmäßige Altersmischung und sind noch nicht fest auf einen Standplatz eingeflogen — sie bleiben also eher beim neuen Volk, statt zurückzufliegen. Würde man nur die alten Flugbienen nehmen, fänden die nämlich den Weg zum alten Stand zurück.

Praktisch löst sich noch ein weiteres Thema von selbst: Über dem Absperrgitter, das den Honigraum vom Brutraum trennt, sitzen keine Drohnen und keine Königin — beide passen schlicht nicht durch das Gitter. Wer also aus dem Honigraum arbeitet, bekommt automatisch einen drohnen- und königinfreien Schwarm und muss nichts „aussortieren".

Die 3-Kilometer-Regel
#

Der frische Kunstschwarm sollte mindestens etwa 3 km vom Ursprungsstand entfernt aufgestellt werden. Sonst fliegen die älteren Bienen zu ihrem alten Zuhause zurück und schwächen den jungen Schwarm. Steht kein zweiter Platz zur Verfügung, gibt es Kniffe — aber die einfache Faustregel bleibt: weit genug weg.

Warum Füttern so wichtig ist
#

Weil dem Kunstschwarm der mitgebrachte Honigvorrat fehlt, ist die Fütterung keine Kür, sondern Grundlage. Flüssiges Futter ist ideal, weil es zugleich den Bautrieb anregt. Erst mit Futter im „Tank" legen die Bienen mit dem Wabenbau los und versorgen die ersten Larven.

Wann im Jahr bildet man einen Kunstschwarm?
#

Das Zeitfenster ist großzügig, hat aber Ränder:

  • Frühestens ab der Obstblüte im Mai — sobald die Völker stark genug sind, Bienen abzugeben, ohne die Tracht zu gefährden.
  • Ideal ist die Abräumzeit im Juli: Dann sind besonders viele Bienen verfügbar.
  • Spätestens im Spätsommer. Je später man bildet, desto mehr Bienen braucht der Schwarm — und desto wichtiger ist eine bereits legende Königin, damit daraus bis zum Winter noch ein überlebensfähiges Volk wird.

Wozu das Ganze — und was schiefgehen kann
#

Fünf gute Gründe für den Kunstschwarm
#

Der Kunstschwarm ist erstaunlich vielseitig:

  • Schnelle Jungvolkbildung ohne lange Vorbereitung.
  • Die neue Königin wird fast immer angenommen — in einem weisellosen, brutfreien Schwarm gelingt das Einweiseln deutlich zuverlässiger als im laufenden Wirtschaftsvolk.
  • Wabenhygiene durch Neuanfang: Es kommen keine alten Brutwaben mit, das Volk baut alles frisch.
  • Hilfe gegen Krankheiten: Weil Bienen und alte Brut getrennt werden, eignet sich das Verfahren zur Sanierung bestimmter Brutkrankheiten.
  • Ein günstiges Fenster gegen die Varroamilbe: Ein frischer Kunstschwarm ist zunächst brutfrei — und ohne verdeckelte Brut haben die Milben kein Versteck. Genau dann lässt sich der Befall am wirksamsten senken. Welche Mittel und Mengen jeweils richtig und zugelassen sind, hängt von vielen Faktoren ab — hierzu beraten Bieneninstitute und Imkervereine.

Der Kunstschwarm ist übrigens nur einer von mehreren Wegen, ein neues Volk zu gewinnen. Wie das Grundprinzip der Vermehrung insgesamt funktioniert, steht im Beitrag Ableger — wie ein neues Volk entsteht.

Häufige Anfängerfehler
#

  • Nektarwaben gestoßen statt abgekehrt → die Bienen kleben am Nektar fest.
  • Zu wenig Bienen, besonders spät in der Saison → der Schwarm wird nicht mehr wintertauglich.
  • Zu früh kontrolliert → die Königin wird nicht angenommen oder kommt zu Schaden. Mindestens eine Woche Ruhe geben.
  • Fütterung vergessen oder zu knapp → der Schwarm baut nicht oder verhungert.
  • Zu nah am alten Standort aufgestellt → die Flugbienen fliegen zurück.

Fazit
#

Der Kunstschwarm ahmt einen der natürlichsten Vorgänge im Bienenvolk nach — nur zum Zeitpunkt des Imkers. Wer die zwei Geheimnisse des Naturschwarms beachtet — Bau-Stimmung durch die Kellerhaft und Proviant durch das Füttern — bekommt aus einer Kiste Bienen in wenigen Wochen ein eigenständiges, gesundes Jungvolk. Genau diese Kombination aus Neuanfang, sicherer Königin und brutfreiem Start macht ihn zu einem der elegantesten Werkzeuge der Imkerei.

Quellen & weiterführende Links#

Stand: 08/2026

Hinweis: Allgemeine Information, keine fachliche, tierärztliche oder rechtliche Beratung. Im Zweifel beim Bieneninstitut oder Imkerverein nachfragen.

Verwandte Artikel