Zum Hauptinhalt springen
  1. Imkerwissen/
  2. Varroa/

Totale Brutentnahme — Varroa ohne Versteck

940 Wörter·5 min

Es klingt erst einmal verkehrt: Da steht ein kräftiges, gesundes Bienenvolk — und der Imker nimmt ihm mitten im Sommer die gesamte Brut weg. Kein Fehlgriff, sondern Absicht. Die totale Brutentnahme, unter Imkern kurz „TBE" genannt, ist eine der wirksamsten Methoden, um die gefährlichste Bedrohung eines Bienenvolks in Schach zu halten: die Varroamilbe. Wer versteht, was dabei passiert, versteht zugleich, warum ausgerechnet das Entfernen der Brut den Bienen hilft.

Das Versteck der Varroamilbe
#

Die Varroamilbe ist ein winziger Parasit, der an Bienen saugt und sie schwächt — unbehandelt geht ein Volk daran über kurz oder lang zugrunde. Das Tückische ist ihr Lebensrhythmus: Die Milbe vermehrt sich ausschließlich in der verdeckelten Brut. Kurz bevor eine Brutzelle mit einem Wachsdeckel verschlossen wird, schlüpft die Milbe hinein und legt dort, gut geschützt unter dem Deckel, ihre Nachkommen ab. Solange also Brut im Volk ist, sitzt ein Großteil der Milben sicher verborgen — für jede Behandlung nahezu unerreichbar.

Genau hier setzt die totale Brutentnahme an. Nimmt man dem Volk die komplette Brut, nimmt man der Milbe ihr Versteck. Was übrig bleibt, sind nur noch die Milben, die gerade auf erwachsenen Bienen mitreiten — und die sind, anders als die versteckten, gut zu erreichen.

Die totale Brutentnahme Schritt für Schritt
#

Der Eingriff selbst ist erstaunlich schlicht. Der Imker entnimmt nach und nach alle Waben mit Brut und ersetzt sie durch frische Mittelwände — dünne Wachsplatten, aus denen die Bienen neue, saubere Waben bauen. Die Königin bleibt dabei im Volk; sie muss nicht einmal gesucht werden, was die Sache deutlich vereinfacht. Zurück bleibt ein Volk voller erwachsener Bienen, aber ganz ohne Brut — von einem Tag auf den anderen brutfrei.

In diesem brutfreien Zustand lässt sich die verbliebene Milbenlast gezielt und wirksam behandeln, weil sich jetzt keine Milbe mehr verstecken kann. Welche Mittel und Mengen jeweils richtig und zugelassen sind, hängt von vielen Faktoren ab — hierzu beraten Bieneninstitute und Imkervereine.

Ein schöner Nebeneffekt kommt gratis dazu: Weil ohnehin frische Waben eingehängt werden, erneuert das Volk bei dieser Gelegenheit sein Wabenwerk. Alte, dunkle Waben, in denen sich über die Jahre Rückstände sammeln, verlassen den Stock — eine kleine Frühjahrsputz-Aktion für die Bienengesundheit.

Der richtige Zeitpunkt
#

Nicht jeder Tag eignet sich. Als günstig gilt der Zeitraum rund um die letzte Honigernte im Hochsommer. Dann steht meist noch etwas Tracht — also Nektar in der Landschaft —, sodass das brutfrei gemachte Volk gleich wieder Anschluss findet und sich neu aufbauen kann. Wann der Honig überhaupt erntereif ist, entscheidet sich an einem ganz anderen Wert: dem Wassergehalt, um den es im Beitrag Honigernte — wann Honig wirklich reif ist geht.

Zugleich ist die Gefahr der sogenannten Räuberei geringer: In trachtarmen Zeiten versuchen fremde Bienen gern, in einem gerade geöffneten Stock Vorräte zu erbeuten. Deshalb arbeitet man zügig, am liebsten in den kühleren Morgen- oder Abendstunden, und verschließt offene Wabenkisten sofort.

Nach der Brutentnahme bekommt das Volk ausreichend Futter und wird nach und nach wieder mit frischen Waben erweitert, bis es rechtzeitig zum Herbst eine überwinterungsfähige Größe erreicht hat.

Wohin mit der entnommenen Brut?
#

Bleibt die Frage: Was geschieht mit den vollen Brutwaben, die man dem Volk entnommen hat? Dafür gibt es zwei Wege.

  • Einschmelzen. Die Waben werden eingeschmolzen, das Wachs wiederverwertet. Mit der Brut verschwinden auch die darin versteckten Milben — ein sauberer Schnitt.
  • Als neues Volk weiterführen. Alternativ stellt man die Brutwaben zu einem eigenen kleinen Volk zusammen, einem sogenannten Sammelbrutableger. Er wird an einem anderen Standort aufgestellt und dort, sobald auch er brutfrei geworden ist, behandelt — denn in ihm sitzt nun ein Großteil der Milben. So geht keine Biene verloren, und aus der „Abfallbrut" wächst mit etwas Pflege ein neues Völkchen heran. Wie aus solchen Waben ein eigenständiges Volk wird, beschreibt der Beitrag Ableger — wie ein neues Volk entsteht.

Die Fangwabe — eine Ergänzung, kein Ersatz
#

Eng verwandt ist ein zweites Verfahren: die Fangwabe. Dabei lässt man dem Volk bewusst eine einzige Wabe mit junger Brut. Die Milben stürzen sich mangels Alternative auf diese eine Wabe — und mit ihr, wenige Tage später entnommen und eingeschmolzen, verschwindet ein erheblicher Teil des Befalls.

Wichtig ist die richtige Einordnung: Die Fangwabe senkt den Befall, sie beseitigt ihn nicht. Wie viele Milben sie tatsächlich abfängt, hängt stark vom Zeitpunkt und von der Ausgangslage ab. Als alleinige Maßnahme reicht sie in aller Regel nicht aus — sie ist ein Baustein, der andere Schritte ergänzt. Was ein Volk im Einzelfall braucht, zeigt sich erst, wenn man den Befall regelmäßig kontrolliert.

Vorteile und Grenzen
#

Der große Vorzug der totalen Brutentnahme ist ihre sofortige Wirkung: Das Volk ist auf einen Schlag brutfrei, ohne tagelanges Warten und ohne Suche nach der Königin. Dass nebenbei das Wabenwerk erneuert wird, ist ein echter Gesundheitsgewinn.

Umsonst ist das nicht zu haben. Der Eingriff bedeutet Material- und Arbeitsaufwand — frische Waben, Futter, und je nach Weg eine zusätzliche Beute für den Sammelbrutableger. Ein brutfrei gemachtes Volk verliert außerdem für einige Wochen an Nachwuchs und muss sich erst wieder aufbauen. Und er will zum richtigen Zeitpunkt gemacht werden, damit das Volk vor dem Winter wieder zu Kräften kommt. Für viele Imker überwiegt der Nutzen jedoch klar: eine schlagkräftige, gut planbare Maßnahme gegen den größten Feind der Honigbiene.

Fazit
#

Die totale Brutentnahme wirkt drastisch, folgt aber einer einfachen Logik: Ohne Brut hat die Varroamilbe kein Versteck mehr. Was bleibt, ist ein brutfreies Volk, das sich wirksam behandeln lässt und mit frischen Waben in den Spätsommer startet — ein beherzter Eingriff, der die Bienen am Ende stärker dastehen lässt.

Quellen & weiterführende Links#

Stand: 08/2026

Hinweis: Allgemeine Information, keine fachliche, tierärztliche oder rechtliche Beratung. Im Zweifel beim Bieneninstitut oder Imkerverein nachfragen.

Verwandte Artikel