Ein Bienenvolk ist kein Haufen Einzeltiere, sondern wirkt eher wie ein einziger Organismus: Zehntausende Bienen, die zusammen bauen, heizen, sammeln und Entscheidungen treffen. Wer imkern will, sollte zuerst verstehen, wer in diesem Volk lebt — denn fast alles in der Imkerei dreht sich um das Zusammenspiel dieser drei Bewohner.
Wer im Bienenvolk lebt#
Drei Sorten Bienen teilen sich den Stock, und sie könnten unterschiedlicher kaum sein — in Lebensdauer, Aufgabe und sogar in der Zahl.
Die Königin#
In jedem Volk gibt es normalerweise genau eine Königin. Sie ist das einzige voll entwickelte Weibchen und hat eine Hauptaufgabe: Eier legen. In der Hochsaison schafft sie bis zu rund 2.000 Eier am Tag — mehr als ihr eigenes Körpergewicht.
Mindestens ebenso wichtig ist ihre zweite Rolle: Über Duftstoffe (Pheromone) hält sie das Volk zusammen. Solange dieser „Königinnenduft" da ist, arbeitet das Volk ruhig und geordnet. Fehlt er, gerät das Volk in Unruhe und beginnt, sich eine neue Königin zu ziehen. Eine Königin kann mehrere Jahre leben — deutlich länger als alle anderen Bienen im Stock.
Bemerkenswert ist, wie eine Königin überhaupt entsteht: Aus einer ganz gewöhnlichen Larve, die genauso gut eine Arbeiterin geworden wäre. Den Unterschied macht allein das Futter — eine Königinnenlarve wird durchgehend mit Gelée royale versorgt und in einer besonders großen Zelle aufgezogen, der Weiselzelle. Genau diese Fähigkeit nutzen Imker, wenn sie aus einem Volk ein zweites machen; wie das abläuft, steht im Beitrag Ableger — wie ein neues Volk entsteht.
Die Arbeiterinnen#
Die Arbeiterinnen stellen die große Masse: im Sommer mehrere Zehntausend. Es sind ebenfalls Weibchen, aber unfruchtbar — und sie erledigen praktisch alles im Volk. Welche Aufgabe eine Biene hat, hängt vor allem von ihrem Alter ab:
- Junge Bienen putzen Zellen, füttern die Brut, bauen Waben und verarbeiten Nektar zu Honig.
- Ältere Bienen bewachen das Flugloch und fliegen schließlich als Sammlerinnen aus, um Nektar, Pollen, Wasser und Harz zu holen.
Im Sommer lebt eine Arbeiterin nur etwa vier bis sechs Wochen — sie arbeitet sich buchstäblich zu Tode. Die im Spätsommer geschlüpften „Winterbienen" dagegen halten mehrere Monate durch und bringen das Volk über den Winter. Es sind also zwei ganz verschiedene Bienentypen, die je nach Jahreszeit heranwachsen.
Ein Kunststück verdient besondere Erwähnung: Findet eine Sammlerin eine ergiebige Trachtquelle, teilt sie den anderen im Dunkeln des Stocks mit, wo diese liegt — über den Schwänzeltanz. Richtung und Dauer des Tanzes verraten Winkel zur Sonne und Entfernung. Ein Bienenvolk verständigt sich also nicht nur über Duft, sondern auch über Bewegung.
Die Drohnen#
Die Drohnen sind die Männchen. Sie haben keinen Stachel und sammeln keinen Nektar. Ihre einzige Aufgabe ist die Begattung junger Königinnen — und zwar nicht im eigenen Volk, sondern hoch in der Luft an sogenannten Drohnensammelplätzen, an denen Drohnen aus der ganzen Umgebung zusammenkommen. Dass eine Königin dort von den Männchen fremder Völker begattet wird, ist kein Zufall, sondern verhindert Inzucht.
Drohnen gibt es nur in der warmen Jahreszeit. Wird es im Spätsommer eng mit dem Futter, werden sie vom Volk hinausgedrängt: die sogenannte Drohnenschlacht. Das wirkt hart, ist aber schlicht Haushalten mit Ressourcen — Esser ohne Nutzen für den Winter werden nicht durchgefüttert.
Ein Volk, das wie ein Körper funktioniert#
Das Faszinierende: Niemand „befiehlt" im Bienenstock. Die Königin ist keine Herrscherin, sondern eher das Zentrum eines Duftnetzwerks. Entscheidungen — wann gebaut, wann geschwärmt, wann geheizt wird — entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Einzelbienen. Im Winter rückt das Volk zu einer Wintertraube zusammen und hält die Mitte durch Muskelzittern warm, während es nach außen kühler bleibt.
Über das Jahr verändert sich die Volksgröße stark: von vielleicht 10.000 bis 15.000 Bienen im Winter auf 40.000 bis 60.000 im Hochsommer. Das Volk wächst und schrumpft also im Rhythmus der Jahreszeiten — und genau daran richtet der Imker seine Arbeit aus.
Wie stark dieses Gefüge vom Duft der Königin abhängt, zeigt sich, wenn man ihm eine fremde Königin zumutet: Das Volk erkennt sie zunächst als Eindringling. Warum das der heikelste Moment der Imkerei ist, beschreibt der Beitrag Königin zusetzen — so gelingt die Annahme.
Häufige Irrtümer#
- „Bienen und Wespen sind dasselbe." Nein. Honigbienen sind pelzig, sammeln Nektar und Pollen und sind friedlich. Wespen sind glatt, jagen auch andere Insekten und gehen gern an Kuchen und Limo.
- „Die Königin regiert das Volk." Sie gibt keine Befehle. Sie legt Eier und hält über Duft das Volk zusammen — den Rest organisiert das Volk selbst.
- „Drohnen sind faule Nichtsnutze." Ihre Rolle ist die Fortpflanzung. Ohne Drohnen keine begatteten Königinnen — und damit keine neuen Völker.
- „Jede Biene sticht und stirbt dann." Nur die Arbeiterinnen verlieren beim Stich ihren Stachel und sterben, weil er mit Widerhaken in der Haut hängen bleibt. Drohnen können gar nicht stechen — und die Königin hat einen glatten Stachel, den sie mehrfach einsetzen könnte. Sie tut es allerdings praktisch nur gegen rivalisierende Königinnen, nie gegen Menschen.
Fazit#
Königin, Arbeiterinnen und Drohnen — drei Rollen, ein Organismus. Wer dieses Zusammenspiel im Kopf hat, versteht später vieles fast von selbst: warum ein Volk schwärmt, warum es ohne Königin in Panik gerät und warum der Imker im Sommer ganz anders eingreift als im Winter.
Quellen & weiterführende Links#
- Landesanstalt für Bienenkunde, Universität Hohenheim
- Wie Imker einen Schwarm nachbauen: Kunstschwarm — Schritt für Schritt zum neuen Volk
Stand: 08/2026
Hinweis: Allgemeine Information, keine fachliche, tierärztliche oder rechtliche Beratung. Im Zweifel beim Bieneninstitut oder Imkerverein nachfragen.